One line

Eloain Lovis Hübner: doll* etudes (2026)

für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Viola, Violoncello und Audiozuspielung

(2026)

Seit Ende 2024 mache ich die Erfahrung einer gender-affirming Stimmtherapie als Teil eines transfemininen Übergangsprozesses. Anders als Testosteron haben Östrogene keine Wirkung auf den Stimmapparat: Wer einen stärker feminin wahrgenommenen Stimmklang entwickeln möchte, ist auf intensives, jahrelanges logopädisches Training angewiesen. Alle Bausteine der Stimmerzeugung, alle Parameter des StimmklangsPosition des Kehlkopfs, Tonhöhe und Prosodie, Stellung des Kehldeckels, Öffnungsweite der Taschenfalten, Stärke des Glottisschlags, Formantenstruktur, Dosierung des Twang usw.werden dabei einzeln trainiert und neu zusammengesetzt. Das Ansteuern bestimmter Muskelgruppen wird völlig neu erlernt und eine gesteigerte Kontrolle über den derart erweiterten Stimmapparat erlangt: Alle, die diesen Prozess durchlaufen, sind absolute Virtuos*innen auf einem neu erfundenen Instrument! Gleichzeitig sind Trial-and-Error, »Scheitern«, Frustration, Ermüdung und das Gefühl, immer wieder »drei Schritte vor, zwei Schritte zurück« zu machen, geradezu vorprogrammierte, permanente Begleiter auf diesem Weg.

 

Die doll* etudes lassen in verschiedene Stufen des Trainingsprozesses hineinhören und behandeln sowohl Übungen, die mit Leichtigkeit bewältigt wurden, als auch Momente als unbefriedigenden Kreisens um ein gewünschtes Klangresultat als gleichwertige Materialien. Unkontrollierbarkeiten und Beeinträchtigungen der Stimme durch Erkältung oder trockene Luft (die Aufnahmen entstanden um den Jahreswechsel 2025/2026) werden ebenso erfahrbar wie ihre Flüchtig- und Veränderbarkeit im Vergleich mit meiner jetzigen Stimme, die schon wieder eine andere, »fortgeschrittenere« geworden ist (was einem oft erst in der Retrospektive bewusst wird). Die Instrumente des Ensembles verstärken die teils mikroskopischen Nuancen der geübten Stimmvorgänge, verwandeln die Disziplin des Übens durch ihre vorsichtigen und liebevollen Reaktionen in ein filigranes Spiel, und überschreiben die Verschiebung der Kategorien des Könnens, Beherrschens (und Scheiterns) von der transitionierenden Stimme auf sich selbst.

(Eloain Lovis Hübner)