One line

Francesca Verunelli: Songs & Voices

pour 6 voix, 10 instruments et électronique

(2023)

Der Titel von »Five Songs (Kafka’s sirens)« für elektrisches Ensemble, geschrieben für das Ensemble C Barré, spielt auf Franz Kafkas Erzählung »Das Schweigen der Sirenen« anaber es handelt sich hierbei nicht um einen literarischen Verweis. Tatsächlich geht es in Kafkas Erzählung weniger darum, eine alternative Geschichte zu erzählen (dass die Sirenen nicht sangen), als vielmehr darum, ein Paradoxon anzudeuten, einen Zweifel an der Perspektive zu wecken. Genau daraufauf eine mögliche paradoxe Perspektivespielt der Titel an.

 

Dieser erste Teil von »Songs and Voices« gliedert sich in fünf instrumentale »Lieder«. Dabei drängte sich mir die poetische Frage auf: Was bleibt vom Gesang, wenn die Stimme verschwindet? Was ist das Wesen des Singens, und wie können wir Gesang wahrnehmen, wenn niemand singt? Diese Präsenz des Gesangs in Abwesenheit einer singenden Stimme war die treibende Kraft meiner instrumentalen Klangforschung, eine Art Aporie, diewie Kafkas Paradoxondarauf abzielte, die Grenzen des instrumentalen »Sichtbaren« zurückzudrängen.

 

Diese erste Frage wirft naturgemäß eine weitere Frage auf, die in gewisser Weise das Gegenteil ist: Was ist die Stimme ohne den Gesang? Die Stimme in ihrer reinen Präsenz, ihrer orphischen Funktion beraubt? Die Stimme als instrumentaler Körper und als Körper schlechthin, die Stimme als fleischliche Präsenz, die der Sprache vorausgeht und darüber hinaus. Eine Art apotropäisches Objekt, das wir kennen würden, ohne es zu verstehen.

 

Die Erforschung dieser anderen Hälfte der Frage veranlasste mich, ein Vokalensemble in diese musikalische Reise zu integrieren, die sich somit zwischen diesen beiden Extremen bewegt. Extreme Abwesenheit und extreme Präsenz, Gesang in der Stimme und die Stimme ohne Gesang. Zwischen diesen beiden paradoxen Brennpunkten liegt vielleicht das, was Odysseus so sehr anzieht, sich den Sirenen zu nähern.

 

Diese Reise ist in mehrere Momente gegliedert, die unterschiedliche Aspekte der Stimme erkunden: die Stimme als Körper, die Stimme als instrumentaler Körper, die Stimme als Gesang, der den Körper bewohnt und der Sprache vorausgeht, sowie die Stimme, die, indem sie Sprache verkörpert, diese verwandelt, aufhebt und übersteigt. All dies wird im Mythos der Sirenen deutlich, wie Kafka hervorhebt.

 

Die Idee von Migration und von Übergang ist tief im Mythos der Sirenen verankert. Wir kehren zu den Meerjungfrauen als Bild für die Grenze des Gesangs und des Klangs selbst zurück (Kafkas Meerjungfrauen verdanken ihren Schrecken ihrem Schweigen, das selbst Odysseus‘ Widerstand hätte brechen können). Meerjungfrauen stehen immer an einem entscheidenden Punkt und markieren einen maßgeblichen Übergang: den Übergang zwischen den Lebenden und den Toten, zwischen der bekannten Welt und dem Unbekannten (unter anderem).

 

Tatsächlich hat der Sirenenmythos unter anderem auch dazu gedient, einen Diskurs über den Raum zu ermöglichen, insbesondere über die Begriffe Grenze, Grenzlinie und Rand. Diese Kategorien sind sowohl analog als auch unterschiedlich in ihren verschiedenen Bedeutungen: Die Grenze ist der Ort, an dem etwas endet, aber auch der Ort, an dem etwas beginnt, was die Realität messbar und damit bedeutungsvoll macht. Die Grenzlinie hingegen setzt eine Trennung voraus, aber auch eine Beziehung zwischen dem Gleichen und dem Verschiedenen, zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Und genau hier kommt die Kategorie des Randes ins Spiel. Sie bezeichnet das, was weder diesseits noch jenseits der Grenze liegtdas Niemandsland, den Ort des Übergangs, der Transformation.

 

Dieses Werk ist ein musikalisches »Grab«, ein Grabdenkmal, ein Versuch, der Erinnerung an meine Schwester, die unter tragischen Umständen vorzeitig verstorben ist, eine bescheidene Hommage zu erweisen. So übernimmt »A valediction for her sister« für Stimme und verstimmte Gitarre zwar die Struktur eines Liebesliedes, doch handelt es sich dabei vielmehr eher um die Abwesenheit jedes möglichen Liedes, um den Verlust seiner bloßen Möglichkeit.

(Francesca Verunelli)