Ying Wang: Schmutz
für Violine und Ensemble
(2018/2019)Ying Wangs »Schmutz« für Violine und Ensemble (2018/19), uraufgeführt vom Klangforum Wien bei Acht Brücken Festival Köln 2019, wirft die Hörenden in ein äußerst konfliktreiches Umfeld, in dem eine Solo-Violine, meist in höchsten Lagen und mit halsbrecherisch-virtuosen Doppelgriffen, von wiederholten massiv auftrumpfenden Tutti-Akkorden übertönt wird, freilich ohne sich dadurch zum Verstummen bringen zu lassen. Eine kurzzeitige Phase der Ruhe wird paradoxerweise durch die Verwendung von Megafonen erreicht, von denen nur das gleichsam sprachlose Eigenrauschen hörbar wird–eine schreiende Stille, in der der titelgebende »Schmutz« des grobkörnigen Ensembleklangs ebenso nachhallt wie dessen »lautstarke Selbstinszenierung«, die die Komponistin in ihrer Einleitung anspricht: »Lautstarke Selbstinszenierung dominiert auf stylisch-linearen Wegen, Autobahnen der Fluchthelfer. Darunter das Leben. Ich. Vermüllt. Zugeschüttet. Verpestet. Ich drohe zu ersticken. An dieser kleinen tagtäglichen Unachtsamkeit.«
Resoniert hier Ying Wangs Auseinandersetzung mit den verlorenen Stimmen jener Geflüchteten, deren Leichen 2019 in einem LKW in Essex gefunden wurden (Musiktheater Lorry 39, 2021), so kann in der zunehmenden Überdeckung der Solo-Violine durch die E-Gitarre gegen Ende von Schmutz ein technologiekritisches Moment gehört werden: »Plastik im Meer, Öl im Gefieder, Lärm im Ohr, Gift im Essen, Gestank in der Luft, Angst in den Gedanken. Dieses Netz der Belastungen, ausgelegt von jedem einzelnen, verbreitet sich stetig.« Das Werk ist eine Allegorie auf den Verlust und das erneute Erringen von (öffentlicher, privater) Sprachfähigkeit, von Selbstbestimmung (und Selbstbesinnung) in einer von allzu vielen vorlauten Stimmen beherrschten Umwelt. Tatsächlich erhebt sich die Solo-Violine am Ende aus dem vorübergehenden Verstummen zu einem zarten, doch bestimmten Solo noch einmal in höchste Lagen, emanzipiert sich so vom Geplapper der Gegenwart, begleitet nur noch vom leeren Rauschen der Megafone.
Christian Utz
(Booklet der CD Ying Wang, ‚RE:Wilding‘, Kairos, 2025)