Vahid E. Hosseini: of lament and gratitude. SoundsTheatre XV
for 6 voices
(2025/2026)Das Verfassen des Textmaterials für dieses Stück glich stark dem Komponieren von Musik. Worte tragen Klänge in sich, die Zeit in vielfältiger Weise verkörpern. Sobald das Monopol einer einzelnen Sprache durch die Gegenüberstellung fremdsprachiger Entsprechungen aufgebrochen wird, entsteht eine neue Art von Kontrapunkt: ein Kontrapunkt zwischen Wörtern, die in verschiedenen Sprachen ähnlich klingen, sich jedoch in subtilen Nuancen unterscheiden. Wenn diese Nuancen gemeinsam gesungen werden, erzeugen sie ein ausgeprägtes Auf und Ab, das zur feinen Komplexität des Klangereignisses beiträgt.
Dieses Stück ist ein weiteres Experiment innerhalb der Form, die ich »SoundsTheatre« nenne: ein vormusikalischer Ansatz, der die Ontologie der Intonation und die Bedeutung der zeitlichen Dehnung von Klang innerhalb der intimsten menschlichen Erfahrungen–Trauer und Gebet–untersucht. Bei der Entwicklung des Konzepts für das Werk ließ ich mich von Trauerliedern verschiedener Traditionen inspirieren sowie von einem Madrigal von Monteverdi, das in der Komposition kurz zitiert wird. Das Stück ist Saeed Kiani gewidmet, dem Bruder meines lieben Freundes und Assistenten, der bei den Protesten im Januar 2026 in meinem Heimatland Iran ums Leben kam.
(Vahid Hosseini)
Als ich mich auf Wunsch des Komponisten daran machte, diese Einleitung zu schreiben, fragte ich mich: Wie lässt sich die Philosophie hinter abstrakten Konzepten, die über Jahrtausende hinweg durch den Klang selbst weitergegeben wurden, so in Worte fassen, dass sie sowohl vorstellbar als auch–aus einem anderen Blickwinkel betrachtet–hörbar wird? Mir schien, ich sollte es so formulieren: Wenn wir uns Zivilisationen als eine Geografie der Sprache vorstellen, dann erheben sich die großen Zentren Mesopotamiens, des Indus-Tals, Chinas, des antiken Griechenlands und später die Kolonialzentren in Afrika und Amerika wie Berggipfel, an denen sich die Grammatik verfestigt, an denen »Korrektheit« institutionalisiert wird und an denen Sprache das formale Gewicht der Macht erlangt. Doch zwischen diesen Gipfeln liegen die Täler: Räume, die von Versklavten, vertriebenen Indigenen und jenen bewohnt werden, die außerhalb der vorgeschriebenen Strukturen der Anerkennung existieren. Hier, in diesen zivilisatorischen Tälern, haben die Bewohner keine offiziellen Namen in den Aufzeichnungen des Reiches, keine offiziell anerkannten Sprachen, kein rechtliches Eigentumsrecht–nicht einmal an ihren eigenen Körpern. Die in diesen Tälern lebenden versklavten und indigenen Völker schufen aus ihrer Ausgrenzung etwas Außergewöhnliches. Pidgin-Sprachen entstanden nicht als sprachliche Kuriositäten, sondern als Überlebensstrategien–als Echos der »richtigen« Sprachen, die von den Gipfeln herabhallten und sich im Abstieg in etwas Unautorisiertes, aber Lebenswichtiges verwandelten, wie das Nigerianische Pidgin oder die karibischen Kreolsprachen.
Wissenschaftler wie Dell Hymes und John Holm haben dokumentiert, wie diese Kontaktsprachen das kulturelle Gedächtnis allein durch Klang und Syntax bewahrten und aus den Fragmenten dominanter Formen Subkulturen aufbauten. Diese Klänge verweilen im Tal der Zivilisation. Sie bewohnen den Raum, in dem die Dichotomie von »richtig« und »falsch« ihre Relevanz verliert, in dem die Rechte und die Identität eines Bürgers sich in der Abwesenheit auflösen, in dem der versklavte Sprecher nicht einmal weiß, dass solche Dinge ihm zustehen könnten. Hier wandeln sich Sprachen ständig; Wörter, die in verschiedenen Sprachen ähnlich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben, schaffen eine musikalische Funktion aus reinem Klang statt aus semantischer Klarheit. Das Werk selbst wird zum Tal: ein Ort, an dem sich Bedeutung durch transformierte und fragmentierte Formen bewegt, ein Ort der Begegnung zwischen Ost und West–nicht auf ihren Gipfeln, sondern in ihren gemeinsamen Tiefen, wo das Echo wichtiger ist als die ursprüngliche Äußerung. In diesen Tälern schaffen die Nachhallungen der Wörter ein Theater des Klangs, eine klangliche Bühne, auf der das Überleben erfordert, Sprache aus den Trümmern der Sprache selbst zu erschaffen.
(Shadi Hadinezhad, Anthropologe)