Sven Ingo Koch: Lieder von der Liebe
für Violine und Vokalensemble
(2024)
1. Mille (anonym)
2. tithonos, nach einem Gedicht von Jan Wagner
3. Hiphop
4. Liebe, nach einem Gedicht von Steffen Popp
5. Prélude (#20) (Violine Solo)
6. Wiegenlied, nach einem Gedicht von Gottfried von Neifen
7. Mille regretz (anonym)
Der Wunsch, Liebeslieder für Violine und Vokalensemble zu schreiben, entstand aus meiner engen Zusammenarbeit mit der Geigerin Sara Cubarsi und der Beschäftigung mit Liebes-Chansons der Renaissance–vor allem jener von Josquin und de Rore. Ganz verborgen haben kleinste Motive dieser Chansons Eingang gefunden in meine Lieder.
Die vertonten Gedichte, von mittelalterlich bis zeitgenössisch, habe ich mit dem Ziel großer textlicher Heterogenität ausgewählt. Sie beschreiben unterschiedliche Situationen von Liebe: Erwiderte oder einsame Liebe, unglückliche (meist) oder glückliche; Mutterliebe und -Sorgen.
Mein Zyklus beginnt (und endet) mit einer Vertonung des Textes, den Josquin für seine »Mille regretz« verwendet hat. Der Erzähler trauert um seine Geliebte und möchte sein Leben beenden–im ersten Lied komponiere ich dies für Violine und drei hohe Stimmen.
Es folgt eine Vertonung des Gedichts »tithonos« von Jan Wagner für Bass und Viola. Tithonos‘ Geliebte Eon, die Göttin der Mörgenröte, erfleht von Zeus ewiges Leben für Tithonos, vergisst aber, zugleich um ewige Jugend zu bitten. Und während Eon jung bleibt, altert, ja, verwittert Tithonos mehr und mehr, bis von ihm letztlich nur ein bewegter Balg, ein wisperndes Gewölle, ein zirpendes Uhrwerk übrig bleibt. Ein Gedicht mit vielen musikalischen Bildern, aus denen die formale Entwicklung meines Liedes entstanden ist.
In meinem Zyklus folgt nun ein aus bloßen Ausrufen bestehender »Hip-Hop« (oder eher ein Quartett mit entfernten Referenzen an einen solchen) für Violine und drei Männerstimmen, an die wiederum eine Vertonung von Stefan Popps »Liebe« anschließt: Der Angehimmelte reagiert in diesem Gedicht zunächst mit Trotz auf die Verehrung seiner Anbeterin.
Dieser ein wenig theatralisch gedachten Tutti-Szene stelle ich ein kleines Prélude für Violine Solo gegenüber, das musikalisch Bezug nimmt auf Chopins Klavier-Prélude Nr. 20. Chopin komponierte dieses wahrscheinlich, während er mit George Sand auf Mallorca weilte.
Gottfried von Neifens Wiegenlied bildet einen großen Kontrast zu diesem (seinen) Prélude: Eine Mutter ist hin- und hergerissen zwischen Liebe und–vor allem–als solchen empfundenen »Mutter-Pflichten« einerseits und andererseits dem Wunsch, auszugehen und zu tanzen. Ich war erstaunt, als ich diesen mittelalterlichen Text entdeckte. Sopran und Violine bilden ein Duo.
Meine Komposition schließt mit einer zweiten »Lesung« des Textes von »Mille regretz«–nun für Violine und das SängerInnentutti–das entsprechend den großformalen Rahmen bildet.
So wie die Texte und ihre Vertonungen kontrastierend aufeinander reagieren, bilden Violine und Vokalensemble ein Gegenüber, aber verschmelzen oder umspielen einander in Reaktion auf die jeweiligen Textsituationen auch oft. Mikrotonale Abschnitte der Violine alternieren mit nicht-mikrotonalen Abschnitten der SängerInnen. Es bereitet mir Freude, eine Abfolge von Stücken zu komponieren, die sich in ihrer Heterogenität wechselseitig perspektivieren.
(Sven-Ingo Koch)
Meine »Lieder von der Liebe« entstanden als Auftrag der Kunststiftung NRW und sind Sara Cubarsi gewidmet.