Kaija Saariaho: Laconisme de l’aile
für Flöte solo
(1982)Die Möglichkeit, von geheimnisvollem Flüstern zu klarem, schönem und »abstraktem« Klang überzugehen, war einer der Ausgangspunkte für »Laconisme de l’aile«, das 1982 in Freiburg begonnen und in Paris vollendet wurde. Ein weiteres wichtiges Bild, auf das ich mich beim Komponieren dieses Stücks konzentrierte, war das der Vögel–nicht so sehr ihr Gesang, sondern vielmehr die Linien, die sie beim Fliegen am Himmel ziehen. Ich hatte bereits mit dem Stück begonnen, als ich das Bedürfnis verspürte, am Anfang einen Text einzufügen, der tatsächlich die Quelle für das musikalische Material sein sollte. Das Buch »Oiseaux« (Vögel) von St.-Jean Perse (1887–1975, ein französischer Dichter und Diplomat, Nobelpreisträger von 1960) fiel mir in der Stadtbibliothek Freiburg in die Hände, und ich fand in dieser Gedichtsammlung eine Passage, die irgendwie die Bilder beschrieb, die ich im Kopf hatte: die von Vögeln, die der Schwerkraft trotzen, davonfliegen, geheimnisvoll und unsterblich.
Das Stück beginnt mit rätselhaften Worten des Dichters Saint-John Perse, die den Flug der Vögel beschreiben und als Metapher für die wandernden Melodielinien der Flöte im gesamten Werk dienen:
»Unwissend um ihren Schatten und vom Tod nur das Unsterbliche kennend, das im fernen Rauschen der großen Gewässer verglüht, ziehen sie vorüber und lassen uns zurück, und wir sind nicht mehr dieselben. Sie sind der Raum, durchzogen von einem einzigen Gedanken. Lakonismus des Flügels!«
(Kaija Saariaho)