Rolf Riehm: Im Nachtigallental
für Cello solo
(2009)Diese Geschichte ist von einer fast unüberbietbaren Theatralik. Orpheus, der schamanistische Magier und Religionsgründer aus Thrakien, bekannt durch seinen alles und jeden bezwingenden Gesang, wird nach seinem missglückten Versuch, seine Frau, die thrakische Dryade Eurydike, aus dem Hades wieder ins Leben zu führen, von den Mainaden (Mänaden), den rasenden Begleiterinnen des Dionysos, zerrissen. Sein Haupt nagelten sie auf seine Lyra und warfen es in den Fluss Hebron (heute Mariza). Der Kopf des Sohnes der Kalliope hörte allerdings nicht auf zu singen–die ganze Flussfahrt lang, die ihn ins Thrakische Meer führte, wo die Strömung ihn an die Nordküste der Insel Lesbos anschwemmte. Dort, nahe der Stadt Antissa, befindet sich das Nachtigallental, wo die Nachtigallen aber seit langem nicht mehr sangen und die Menschen freudlos und traurig dahinlebten. Als aber die Lyra mit dem singenden Kopf aufgefunden wurde, brachen auch die Nachtigallen wieder in prächtigen Gesang aus, und die Stimmung im Lande änderte sich schlagartig. Die Menschen lachten, sangen und tanzten. So sei die Lyrik in die Welt gekommen, heißt es. Rolf Riehm hat diese Geschichte einem Violoncello, genauer, einem Cellisten anvertraut, der im fliegenden Rollenwechsel der Fluss ist, das singende Haupt, innere und vorbeiziehende äußere Landschaften, das Meer, deprimierte Flora und Fauna, Tanz, Freude, und die vielen changierenden Stimmungen, die auf melancholischem Unterstrom zu hören, aber nicht zu beschreiben sind. Dass die Wirklichkeit durch extreme Inkohärenz ihrer Konstituenten geprägt ist, ist wohl eine alte, von Heraklit niedergeschriebene Erkenntnis. Dennoch können wir uns niemals damit abfinden, weil sie unserer stets kohärenten Wahrnehmung widerspricht.
(Quelle: Wergo)