Sergej Newski: Due Madrigali
Für sechs Stimmen
in Memoriam Alexej Nawalny
(2024)Meine »Due Madrigali« entstanden im Auftrag der Gerhart und Renate Baum-Stiftung als Musik für die Zeremonie des Dresdner Friedenspreises 2024, der in jenem Jahr posthum an den im Gefängnis getöteten russischen Oppositionellen Alexej Nawalny verliehen wurde.
Bei der Komposition handelt es sich um ein Diptychon: In Teil I habe ich das Gedicht »Zu nächtlicher eiskalter Stunde« des berühmten russischen Dichters und Dissidenten Warlam Schalamow vertont, der 20 Jahre in einem GULAG inhaftiert war. Der zweite Teil des Diptychons auf Pier Pasolinis Gedicht »Aus dem Herzen gefallen« entstand als Skizze bereits im Jahr 2022.
Der Schalamow-Text, gesungen auf russisch, ist ein Liebesbrief eines Gefangenen an seine Geliebte, wobei der Ich-Erzähler, der seine Reportage aus der Eishölle hinter dem Polarkreis verfasst, sich ironisch mit dem Tannhäuser vergleicht, der in der Grotte der Venus gefangen ist. Das Gedicht von Pasolini dagegen zeichnet eine Idylle, ein Bild von unbeschwerter Freiheit, das vielleicht aber nur eine Illusion ist.
Beide Teile des Diptychons sind verbunden durch einen bewusst reduzierten, quasi-tonalen Klangraum mit einem ausgefeilt kontrapunktischen Ansatz. Madrigal I ist als Doppelkanon mit zwei freien Stimmen angelegt. Madrigal II hat die Form eines präzise gesetzten, vierstimmigen Kanons.
(Sergej Newski)
Warlam Schalamow: Zu nächtlicher eiskalter Stunde
(В часы ночные, ледяные)
Zu nächtlicher eiskalter Stunde,
Voller Zorn von der Schinderei,
Werfe ich Rufzeichen in den Himmel
Vom siebzigsten Breitengrad.
Soll der bärtige Geologe
Doch den Zirkel auftauen am Feuer,
Und meine Koordinaten kreuzen
Auf dem verteufelten Berg,
Wo ich schon, wie Tannhäuser bei Venus,
Gefangen in schneeweißer Blöße,
Zwanzig Jahre in der Höhle lebe
Und brenne in dem einzigen Traum,
Dass ich ausbreche in die Freiheit,
Die Schultern recke wie Simson
Und die Steingewölbe einstürzen lasse
Auf diesen langjährigen Alb.
Mit freundlicher Genehmigung von Matthes & Seitz Berlin
Übersetzung aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Pier Paolo Pasolini: Aus dem Herzen gefallen
Ein Kinderherz, das aus dem Herzen des Himmels fiel,
zitterte, gekleidet in ein zu leichtes Lied.
In seinem aufgeknöpften Hemd lief der Junge den azurblauen Weg entlang,
zwischen Pappeln, die nach Festlichkeit rochen.
Oh, Lied, oh leichtes Lied (…)
Aus dem Friaulischen von Kirill Medwedew.
Mit freundlicher Genehmigung der Pasolini-Gesellschaft Rom